Lesezeit: 6 Minuten | 21. September 2026 | Autor: Richard Verroen
Erfahrungsbericht mit Graufilter
Das menschliche Auge kann sowohl mit sehr viel als auch mit sehr wenig Licht umgehen. Selbst bei sehr hellem Licht sind Sie noch in der Lage, alles gut zu erkennen. Der Sensor einer Kamera kann diesen enormen Unterschied zwischen hellen und dunklen Bereichen nicht vollständig erfassen. Seine Möglichkeiten sind deutlich begrenzter. Diesen erfassbaren Helligkeitsumfang bezeichnet man als Dynamikumfang.
Wenn der Unterschied zwischen hellen und dunklen Bereichen zu groß ist, können Sie die Einschränkungen des Sensors mithilfe eines Filters ausgleichen und eine korrekt belichtete Aufnahme erstellen. Dafür können Sie beispielsweise einen Grauverlaufsfilter verwenden. Dieser verläuft von einem dunklen Bereich zu einem vollständig transparenten Bereich. Dadurch lassen sich ein heller Himmel und ein dunkler Vordergrund ausgewogen auf einem Foto abbilden.
Es kann jedoch auch vorkommen, dass das gesamte Motiv für den gewünschten fotografischen Effekt zu hell ist. Vielleicht möchten Sie einen Wasserfall, einen schnell fließenden Bach oder die Brandung bei vollem Tageslicht mit einem weichen Bewegungseffekt fotografieren.
Oder Sie möchten einen vorbeilaufenden Läufer fotografieren und dem Hintergrund durch Mitziehen der Kamera und die Verwendung einer großen Blendenöffnung eine Bewegungsunschärfe verleihen. Dafür ist jedoch zu viel Licht vorhanden.
Vielleicht möchten Sie tagsüber ein Porträt mit geringer Schärfentiefe aufnehmen. Für einen unscharfen Hintergrund benötigen Sie eine große Blendenöffnung, doch auch dafür kann das vorhandene Licht zu stark sein.
In all diesen Situationen benötigen Sie weniger Licht. Dafür verwenden Sie einen Graufilter, der auch als ND Filter bezeichnet wird.
Mit diesem Filter können Sie eine längere Belichtungszeit wählen, ohne die übrigen Kameraeinstellungen zu stark verändern zu müssen.
Der Graufilter ausführlich erklärt
Angenommen, Sie möchten einen schnell fließenden Bach fotografieren. Es ist sehr hell und Sie möchten dem fließenden Wasser einen weichen Bewegungseffekt verleihen. Das Wasser soll auf dem Foto eine Bewegungsunschärfe zeigen, während alle unbeweglichen Bereiche scharf abgebildet werden.
Sie haben Ihre Kamera bereits auf den niedrigsten ISO Wert eingestellt, beispielsweise ISO 50, 100 oder 200. Die Blende möchten Sie nicht weiter als Blende 15 schließen, da die Bildschärfe sonst durch Beugung abnimmt. Trotzdem erhalten Sie beispielsweise noch eine zu kurze Belichtungszeit von 1/60 Sekunde. Damit lässt sich der gewünschte Effekt nicht erzielen. In diesem Fall hilft ein Graufilter. Ein Graufilter besteht aus Glas und besitzt eine dunkle, graue und farbneutrale Beschichtung. Farbneutral bedeutet, dass die Beschichtung die Farben in Ihrem Bild nicht beeinflusst. Die Beschichtung kann sehr dünn sein und nur wenig Licht zurückhalten. Sie kann aber auch stärker ausgeführt sein und entsprechend mehr Licht blockieren. Wie stark die Beschichtung ist, hängt davon ab, wie viel Licht der Filter zurückhalten soll. Die Menge des zurückgehaltenen Lichts wird in Blendenstufen angegeben.
Was bedeutet eine Blendenstufe?
Eine Verlängerung der Belichtungszeit um eine Blendenstufe verdoppelt die Lichtmenge, die auf den Kamerasensor fällt. Die Veränderung von 1/250 Sekunde auf 1/125 Sekunde entspricht einer Blendenstufe. Die Veränderung von 1/125 Sekunde auf 1/60 Sekunde entspricht einer weiteren Blendenstufe. Die Veränderung von 1/60 Sekunde auf 1/30 Sekunde entspricht der dritten Blendenstufe.
So wird die Berechnung entsprechend fortgesetzt. Die Anzahl der Blendenstufen ist immer auf dem Filter angegeben. Häufig wird zusätzlich eine logarithmische Kennzeichnung auf Basis des Faktors 10 verwendet. Wenn Sie diesen Wert durch 0,3 teilen, erhalten Sie die Anzahl der Blendenstufen.
Bei einem Filter mit der Kennzeichnung 0,9 gilt: 0,9 geteilt durch 0,3 ergibt 3 Blendenstufen.
| Blendenstufen | Filterbezeichnung | Verlängerung der Belichtungszeit |
|---|---|---|
| 1 Stufe | ND2 oder 0,3 | Faktor 2 |
| 2 Stufen | ND4 oder 0,6 | Faktor 4 |
| 3 Stufen | ND8 oder 0,9 | Faktor 8 |
| 4 Stufen | ND16 oder 1,2 | Faktor 16 |
| 5 Stufen | ND32 oder 1,5 | Faktor 32 |
| 6 Stufen | ND64 oder 1,8 | Faktor 64 |
| 10 Stufen | ND1000 oder 3,0 | Faktor 1024 |
Tipp: Auf dem Smartphone können Sie die Tabelle horizontal scrollen.
Ein Filter mit 6 Blendenstufen wird häufig als Little Stopper bezeichnet. Ein Filter mit 10 Blendenstufen wird als Big Stopper bezeichnet.
Verschiedene Arten von Graufiltern
Ein Graufilter kann ein runder Filter sein, der auf das Objektiv geschraubt wird. Alternativ kann er magnetisch befestigt werden und auf einen zuvor montierten Adapterring passen.
Es gibt außerdem quadratische Graufilter, die in einen Filterhalter eingesetzt werden. Der Filterhalter wird mithilfe eines Adapterrings am Objektiv befestigt.
Eine weitere Variante ist der variable ND Filter. Bei diesem lässt sich die Lichtdurchlässigkeit und damit die Anzahl der Blendenstufen durch Drehen einstellen.
Alle drei Arten von Graufiltern verfolgen dasselbe Ziel: Sie reduzieren die einfallende Lichtmenge.
Wie viel Licht Sie zurückhalten möchten, hängt von der fotografierten Situation und dem gewünschten Effekt ab.
Wenn Sie ausschließlich die Lichtmenge reduzieren möchten, können Sie einen runden Filter verwenden. Dies ist in der Regel die günstigste Lösung.
Möchten Sie den Graufilter mit einem Grauverlaufsfilter oder einem Polarisationsfilter kombinieren, empfiehlt sich ein Filterhalter, in den mehrere Filter eingeschoben werden können. In diesem Fall ist der Graufilter quadratisch.
Beide Systeme lassen sich mithilfe unterschiedlicher Adapterringe an mehreren Objektiven mit verschiedenen Filterdurchmessern verwenden.
In allen Fällen muss verhindert werden, dass seitlich Streulicht durch eine kleine Öffnung einfällt. Andernfalls können eine ungewöhnliche Belichtung oder störende Lichtreflexionen entstehen.
Bei einem Schraubfilter wird dies durch das Gewinde verhindert.
Bei einem Filterhalter muss der Graufilter immer zuerst eingesetzt werden. Er sollte sich so nah wie möglich am Objektiv befinden. Der Schaumstoff an den Rändern des Filters sorgt dafür, dass kein Licht eindringen kann. Dieser Schaumstoff darf nicht beschädigt sein.
Bei einem variablen ND Filter können Sie direkt vor Ort festlegen, wie viele Blendenstufen Sie verwenden möchten. Mit einem oder zwei variablen Filtern lassen sich dadurch viele unterschiedliche Lichtsituationen bewältigen. Diese Filter werden häufig beim Filmen eingesetzt, wenn sich die Lichtverhältnisse schnell verändern.
Bei einem Ultraweitwinkelobjektiv kann ein variabler Graufilter aufgrund des großen Bildwinkels allerdings unerwünschte Effekte verursachen.
Ein variabler Graufilter besteht aus zwei runden Polarisationsfiltern, die übereinander angeordnet sind. Durch das Drehen der beiden Filter gegeneinander wird die Lichtdurchlässigkeit verändert. Bei einem Ultraweitwinkelobjektiv kann bei einer starken Abdunkelung jedoch ein dunkles Kreuz oder eine ungleichmäßige Abdunkelung im Bild sichtbar werden. In diesem Fall ist ein normaler Graufilter die bessere Wahl.
Wenn Sie mit einer langen Belichtungszeit fotografieren, sollten Sie selbstverständlich ein Stativ verwenden.
Mit einem Stativ beschäftigen Sie sich außerdem meist bewusster mit der Bildkomposition als beim Fotografieren aus der Hand.
Qualitätsunterschiede
Gibt es Qualitätsunterschiede zwischen Filtern verschiedener Hersteller?
Die Antwort lautet eindeutig ja. Hochwertige Qualität hat ihren Preis.
Je stärker ein Filter ist, desto weniger Licht kann ihn durchdringen.
Jede Farbe besitzt ein eigenes Farbspektrum und reagiert unterschiedlich auf eine Beschichtung. Blaues Licht kann manche Beschichtungen leichter durchdringen als rotes Licht. Dadurch kann bei einigen Filtern ein Blaustich entstehen.
Ein solcher Farbstich lässt sich in der Nachbearbeitung häufig nur schwer korrigieren.
Die Filter von NiSi werden aus sehr hochwertigem Glas gefertigt. Dank der verwendeten Beschichtungen entsteht kein unerwünschter Farbstich.
Das Filterglas ist besonders hart und kratzfest. Dadurch wird die Bildschärfe nicht beeinträchtigt. Außerdem werden Schmutz und Staub abgewiesen.
Fokussieren mit einem Graufilter
Wenn Sie einen Filter verwenden, der sehr viel Licht zurückhält, beispielsweise einen Graufilter mit 6 Blendenstufen, erreicht nur noch wenig Licht den Kamerasensor. Dadurch kann der Autofokus möglicherweise nicht mehr korrekt scharfstellen.
Bei einer Spiegelreflexkamera sehen Sie unter Umständen sogar nichts mehr durch den Sucher.
Deshalb sollten Sie zunächst die Bildkomposition festlegen und fokussieren. Schalten Sie anschließend den Autofokus aus, sofern Sie ihn verwendet haben. Setzen Sie erst danach den Graufilter auf das Objektiv.
Durch das Ausschalten des Autofokus verhindern Sie, dass die Kamera beim Auslösen erneut zu fokussieren versucht. Dies könnte zu einer unscharfen Aufnahme führen.
Beim Fokussieren ohne Filter können Sie außerdem sofort erkennen, welche normale Belichtungszeit die Kamera verwenden würde. Mithilfe einer Umrechnungstabelle können Sie anschließend die passende Belichtungszeit für den gewählten Graufilter bestimmen.
Stellen Sie den ISO Wert immer auf einen festen und möglichst niedrigen Wert ein. Für diese Art der Fotografie sollten Sie die automatische ISO Einstellung nicht verwenden.
Fotografieren Sie im manuellen Modus oder mit Blendenvorwahl, damit Sie die Schärfentiefe kontrollieren können.
Bei einer langen Belichtungszeit mit einer Spiegelreflexkamera kann durch den optischen Sucher ebenfalls Streulicht in die Kamera gelangen und die Belichtung beeinflussen. Decken Sie den Sucher in diesem Fall ab. Bei vielen Kameras befindet sich dafür ein kleiner rechteckiger Gummideckel am Trageriemen.
Beispiele
Wenn Sie sich bei vollem Tageslicht an der Küste befinden und dem Meer einen vollständig weichen, milchigen Effekt verleihen möchten, benötigen Sie eine Belichtungszeit von ungefähr 30 Sekunden bis zu mehreren Minuten.
Auch vom Wind bewegte Wolken können mit einer sehr langen Belichtungszeit von etwa 30 Sekunden bis 5 Minuten einen attraktiven, verwischten Effekt erhalten.
Bei einem Wasserfall können Sie eine Belichtungszeit von ungefähr 1 bis 3 Sekunden verwenden, um das fließende Wasser weich und dynamisch darzustellen.
Zurück zu unserem Bach
Die ursprüngliche Belichtungszeit von 1/60 Sekunde war zu kurz, um den gewünschten Bewegungseffekt zu erzielen.
Die Blende kann nicht weiter geschlossen und der ISO Wert nicht weiter reduziert werden.
Nun kommt der Graufilter zum Einsatz.
Das Ziel ist eine Belichtungszeit von 1 Sekunde.
Die Berechnung lautet:
1/60 Sekunde, 1/30 Sekunde, 1/15 Sekunde, 1/8 Sekunde, 1/4 Sekunde, 1/2 Sekunde und schließlich 1 Sekunde.
Das entspricht einem Unterschied von 6 Blendenstufen.
Wenn Sie einen Graufilter mit 6 Blendenstufen vor das Objektiv setzen, erhalten Sie genau die gewünschte Belichtungszeit von 1 Sekunde.
Ein Filter mit 6 Blendenstufen ist deshalb besonders vielseitig und wird häufig verwendet.
Doch was können Sie tun, wenn 6 Blendenstufen bereits zu viel sind und Sie eigentlich nur 4 Blendenstufen benötigen?
Wenn Ihnen nur ein Filter mit 6 Blendenstufen zur Verfügung steht, können Sie den ISO Wert erhöhen, um die Differenz von 2 Blendenstufen auszugleichen.
Wenn die Kamera auf ISO 100 eingestellt ist, erhöhen Sie den Wert zunächst auf ISO 200 und anschließend auf ISO 400.
Graufilter für unterschiedliche Anwendungen
Die folgende Auswahl zeigt unterschiedliche Filterstärken und Bauformen. Prüfen Sie vor der Auswahl Filterdurchmesser, Halterung und Systemzugehörigkeit. Eine Orientierung bietet die Übersicht der NiSi Filtersysteme.